Völkermord an den Armeniern: Bundespräsident hält denkwürdige Rede

Im Gedenken an die Verbrechen am armenischen Volk vor 100 Jahren fand vor wenigen Tagen im Berliner Dom ein ökumenischer Gottesdienst statt. Im Anschluss hielt Bundespräsident Joachim Gauck eine Rede und sprach bezüglich der Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als erster deutscher Politiker explizit von Völkermord.

Lange haben sich Politiker weltweit zurückgehalten, den Tod von mehr als einer Million Armenier durch die Hand des osmanischen Reiches während des ersten Weltkrieges als Völkermord zu bezeichnen – um diplomatische Verwicklungen mit der heutigen Türkei zu vermeiden. Immerhin ist die Türkei Nato-Partner, und im Zuge eines möglichen EU-Beitritts werden noch Zugeständnisse seitens der Regierung erwartet. Die vornehme Zurückhaltung gab schließlich Papst Franziskus auf, und nannte nun die damaligen Geschehnisse den „ersten Völkermord im 20. Jahrhundert“.

Dass Gauck als erster deutscher Politiker das Wort „Völkermord“ benutzen würde, deutete sich schon bei seinem Besuch in der Türkei an, bei dem er dem türkischen Präsidenten Erdogan unverblümt demokratische Defizite in dessen Land vorwarf.

Deutliche Worte nicht nur für Ankara

Das deutsche Staatsoberhaupt fand in seiner Rede harte Worte und sprach offen von den osmanischen Gräueltaten als „geplante und kalkulierte verbrecherische Tat“. Dennoch bemühte sich Gauck im Folgenden weniger die Schuld der Türkei bzw. der türkischen Nachkommen zu betonen, sondern vielmehr die exemplarische Bedeutung für die darauffolgenden 100 Jahre, die der versuchten Vernichtung der Armenier, herauszustellen – und damit die Wichtigkeit der Erinnerung.

So unterließ es das deutsche Staatsoberhaupt nicht, die Rolle des Deutschen Reiches in der schwärzesten Stunde des armenischen Volkes anzusprechen. Die Reichsregierung tolerierte damals bewusst den Genozid, um seinen militärischen Bündnispartner nicht zu verärgern.

Die Erinnerung als Mittel der Verhütung

Hitler habe beim Überfall auf Polen angenommen, man würde den Mord an polnischen Kindern, Frauen und Männern keine große Bedeutung schenken, da schließlich der Mord an den Armeniern ebenfalls in Vergessenheit geraten sei. Gauck betonte mit Vehemenz, dass keine derartige Gewaltausübung jemals vergessen und in der Erwartung des Vergessens legitimiert sein dürfe.

Daher sei die offene und kollektive Erinnerung an diese Verbrechen unverzichtbar. Nicht nur damit diese künftig verhindert würden, sondern auch als Geste der internationalen Bewältigung. Denn „Ohne Wahrheit keine Versöhnung“.

Bildquelle: bundespraesident.de